EIN LITERATURPROJEKT

  • Rahel Baer

RAUM

Aktualisiert: Mai 17

Wir sind in einem Raum,

in einem tatsächlichen Zimmer und es ist mit Holz ausgekleidet,

das Feuer knistert und lodert lebendig im Ofen.

Es ist ein warmes Wohnzimmer mit Samtsessel und einem selbst gezimmerten Esstisch.

Bleistiftskizzen hängen eingerahmt an der Wand und die Vinylplatte dreht im Rekorder.

Musik füllt das kleine Universum, in dem wir uns befinden.

Draussen tobt das Unwetter, es regnet und der Himmel ist grau.

Wir sind geschützt hinter Steinmauern, gewärmt von dem Feuerelement und dem Gefühl von Geborgenheit.

Wir sind in einem Raum,

Zwischenmenschlich, nicht sichtbar, schwer fassbar.

Und doch für alle fühlbar.

Wir sprechen, und die Stimmen vibrieren bis in den Solarplexus.

Sie werden aufgenommen.

Wirklich –

und wir hören uns.

Verstehen uns.

Wir reden von «deep» - und es klingt so lapidar und dennoch;

fühlen wir uns tiefgründig verbunden und tiefschürfend berührt.

Skizzen aus dem Inneren werden verbal verständlich gemacht,

ausgesprochen und in die Luft abgegeben.

Die Worte, die Sätze füllen den Raum, erfüllen uns.

Und die Worte, die von der Seele gesprochen wurden, erleichtern.

Eine zweite Spur von Musik ist gegenwärtig,

die Melodie unserer Gedanken,

Und eine dritte Spur ist hier,

die Klänge unserer Gefühle.

Und sie ergeben ein sonores Summen eines Seelen-Soundtracks.

Wir reden von «space»,

von Raum geben, Raum haben, Raum lassen.

Ein Spüren, ein Hineinfühlen,

wann es Zeit ist, sich zurückzunehmen,

wann es Zeit ist, Platz einzunehmen oder einzuräumen.

Ein Feingefühl,

Fingerspitzengefühl für die Grössen und Grenzen des Gegenübers.

Wir sind auch «lost in space»

Fliegen herum ohne Zeit- und Raumgefühl.

Wann ist es Zeit, loszulassen?

Ist man jemals stark genug, sich in die Nichtigkeit fallen zu lassen?

Sich hineinstürzen ohne Halt in das Luftleere vollen Bewusstseins?

Es ist die Kraft der Worte,

Worte geben Halt, sichern Anker zu.

Worte lösen Trigger aus, katapultieren weg.

In Welten, deren Spektrum von Sinnlichkeit bis Schrecklichkeit reicht.

Worte beruhigen und streicheln und

Worte sind verbunden und bilden Sätze,

die das Herz berühren oder noch vor dem Trommelfell abprallen.

Wir sind in einem Raum

Und wir liegen auf dem Boden, er ist hart, aber angenehm.

Angenehm deshalb, weil unsere Körper weich sind und der Teppich schützt.

Wir reden weiter und reisen ins Innere.

Tiefer und tiefer und es ist alles in seiner Verworrenheit

Glasklar.

Wir geben uns Unterstützung, fangen einander ab und auf,

kreieren einen zweiten Boden aus unserer Präsenz.

Und wir liegen auch auf einem Boden von Tatsachen,

Von harten Gegebenheiten, realen Emotionen und der Verletzlichkeit des Wesens.

Und es webt sich alles zu einem grossen Ganzen:

der geschützte Raum,

das luftleere Schweben,

die gleichzeitige Schutzlosigkeit,

die einhüllenden Worte,

die offenen Gefühle,

die unmittelbare Nähe,

Ein zweiter Teppich aus allen Sinneseindrücken,

er trägt uns durch alle Formen von Räumen.

Irgendwo hin.

Und wir reden.

Darüber.



Fotografie: Lucie Badenhorst

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