• Rahel Baer

CORONA – TAGEBUCH. TEIL 2

Aktualisiert: 28. Feb.

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Quarantäne Tag 26: Ein Schnappschuss im Park.

Olivia hat mich besucht mit genügend Abstand. Wir schauen Bilder an auf dem Laptop von sonnigen Stunden irgendwann vor Corona. «Lucie click that bottom, you got it woman», sagte ich damals.

«Schaut mal cool!»

[...]


Quarantäne Tag 28: Ein Aal schlängelt sich um Antworten

«Ich habe das Gefühl, dass ich mich wie ein Aal um die Antworten geschlängelt habe», gestand Sebe, lächelt mich beinahe unmerklich an. Wir reden über seine Bewerbung für die Studienrichtung Hyperwerk an der HGK. Ein Motivationsschreiben mit Fragen wie: Wer bist du?

Worauf bist du stolz?

Wie siehst du die Rolle von Gestalter:innen in Zukunft?

Wo siehst du dich in Zukunft?

«Es ist manchmal schwierig, nicht um den heissen Brei herumzureden. Dinge beim Namen zu nennen.»

Ich nicke, schaue auf den Boden. Wir sind im Wald, spazieren an der Wiese entlang. Auf dem Rückweg sitzen wir auf eine alte Holzbank, befreien die geschwollenen Füsse aus den dreckigen Turnschuhen. Unter uns trockene kahle Erde, die Dürre kerbte Furchen ins Braun, Zigarettenstummel und leere Hülsen gerösteter Sonnenblumenkerne liegen zerstampft um den Sitzplatz verteilt, alles von einer dünnen Staubschicht bedeckt.

Und die Gesprächsfäden weben sich wieder zum Muster der existenziellen Fragen zusammen, der Nexus ist unser Dasein, ein hartnäckiger Strang von diffusen Angstgefühlen und Unsicherheitszuständen, Bereitschaft, Wege einzuschlagen. Ein Hin und Her zwischen Intuition und Rationalität, dem Ich und Wir in einer hastig-langwierigen Zeitspanne, die «unser Leben» genannt wird. Wir diskutieren über das Festlegen von Lebensbahnen, irreversiblen Werdegängen und Entwicklungen.

«Wir lenken unser Leben zunehmenden Alters in eine gewisse Richtung. Irgendwie ist es schön, aber es ist auch mit Angst verbunden. Irgendwann kann man sich nicht mehr ständig umorientieren. Oder wenn, ist es mit immer schwieriger», sagt er.

Ja, es ist das Gefühl von allen offenstehenden Möglichkeiten, das Empfinden, von der Welt mit offenen Armen empfangen zu werden, einen unendlich grossen Wirkungsbereich erarbeiten zu können, ja, Bäume ausreissen zu können mit dem kleinen Finger, wenn man denn nur wollte – das mächtige Selbst und die kleine Kosmos, der einem zu Füssen zu scheinen liegt. Manchmal vermisse ich diese Illusion.

«Ja, du hast Recht», sage ich.

Ich atme hörbar ein. Eigentlich will ich die Augen schliessen und für den Moment nur sein. Zustände geniessen, das ist es. Mich in atmosphärische Gefüge fallen zu lassen. Sebe hat eine warme, angenehme und zugleich sehr zurückhaltende Ausstrahlung, dunkel-samtig. Kurz geschorene, schwarze Haarstoppel, tiefbraune Augen, fester Körperbau, sanfter Blick. Und dann wieder eine Brechung in seiner gefassten Präsenz, seiner Ratio durch eine hastiges Kicken mit dem Fuss, als wir kurz innehalten.

[...]


Quarantäne Tag 33: Disaster Fatigue

«distaster fatigue» ist mein neuer Begriff der kommenden Tage, Wochen, ist immer präsent, haltet mit mir Schritt, wenn ich dem Rheinufer entlangrenne als mein ständig flüsternder Begleiter: «Komm, Rahel. Scheiss doch drauf.»

Psychische Ermüdungszustände durch schlechte Nachrichten, durch immer gleiche Katastrophen-News, durch stetig neue Corona-Massnahmen. Irgendwann ist es einfach egal, resigniert schaue ich den einzelnen Menschen in der gelben Tram zu, wie sie sitzend geradeaus starren mit ihren Schutzmasken um Mund und Nase. Höre, wie sich die Tram entfernt, dann ein Klingeln irgendwo. War eine Velofahrerin wohl irgendwo nicht umsichtig genug, sodass die Fahrperson eine Vollbremse machen musste, drückte mit beiden Fersen auf Kuppel und Bremse. «Du Arschloch!»...

[...]







Fotografie: Lucie Badenhorst

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