EIN LITERATURPROJEKT

  • Rahel Baer

CORONA – TAGEBUCH. TEIL 2

Aktualisiert: Mai 17

[im Moment zensiert. Um die komplette Version von über 40 Seiten lesen zu können, mich via instagram oder rahel.baer(at)hotmail.com anschreiben.]


Quarantäne Tag 26: Ein Schnappschuss im Park.

Olivia hat mich besucht mit genügend Abstand. Wir schauen Bilder an auf dem Laptop von sonnigen Stunden irgendwann von diesem Februar. «Lucie click that bottom, you got it woman», sagte ich.

«Schaut mal cool!»

[...]


Quarantäne Tag 28: Ein Aal schlängelt sich um Antworten

«Ich habe das Gefühl, dass ich mich wie ein Aal um die Antworten geschlängelt habe», gestand Sebe, lächelt mich beinahe unmerklich an. Wir reden über seine Bewerbung für die Studienrichtung Hyperwerk an der HGK. Ein Motivationsschreiben mit Fragen wie: Wer bist du?

Worauf bist du stolz?

Wie siehst du die Rolle von Gestalter:innen in Zukunft?

Wo siehst du dich in Zukunft?

«Es ist manchmal schwierig, nicht um den heissen Brei herumzureden. Dinge beim Namen zu nennen.»

Ich nicke, schaue auf den Boden. Wir sind im Wald, spazieren an der Wiese entlang. Auf dem Rückweg sitzen wir auf eine alte Holzbank, befreien die geschwollenen Füsse aus den dreckigen Turnschuhen. Unter uns trockene kahle Erde, die Dürre kerbte Furchen ins Braun, Zigarettenstummel und leere Hülsen gerösteter Sonnenblumenkerne liegen zerstampft um den Sitzplatz verteilt, alles von einer dünnen Staubschicht bedeckt.

Und die Gesprächsfäden weben sich wieder zum Muster der existenziellen Fragen zusammen, der Nexus ist unser Dasein, ein hartnäckiger Strang von diffusen Angstgefühlen und Unsicherheitszuständen, Bereitschaft, Wege einzuschlagen. Ein Hin und Her zwischen Intuition und Rationalität, dem Ich und Wir in einer hastig-langwierigen Zeitspanne, die «unser Leben» genannt wird. Wir diskutieren über das Festlegen von Lebensbahnen, irreversiblen Werdegängen und Entwicklungen.

«Wir lenken unser Leben zunehmenden Alters in eine gewisse Richtung, setzen Eckpfeiler, bilden Identitäten darum. Irgendwie ist es schön, aber es ist auch mit Angst verbunden. Irgendwann kann man sich nicht mehr ständig umorientieren. Oder wenn, ist es mit immer grösserem Effort verbunden», sagt er.

«Das Gefühl von allen offenstehenden Möglichkeiten, das Empfinden, von der Welt mit offenen Armen empfangen zu werden, einen unendlich grossen Wirkungsbereich erarbeiten zu können, ja, Bäume ausreissen zu können mit dem kleinen Finger, wenn man denn nur wollte – das mächtige Selbst und die kleine Kosmos, der einem zu Füssen zu scheinen liegt. Manchmal vermisse ich diese Illusion», denke ich laut.

Ich atme hörbar ein. Eigentlich will ich die Augen schliessen und für den Moment nur sein. Zustände geniessen, das ist es. Mich in atmosphärische Gefüge fallen zu lassen. Sebe hat eine warme, angenehme und zugleich sehr zurückhaltende Ausstrahlung, dunkel-samtig. Kurz geschorene, schwarze Haarstoppel, tiefbraune Augen, fester Körperbau, sanfter Blick. Und dann wieder eine Brechung in seiner gefassten Präsenz, seiner Ratio durch eine hastiges Kicken mit dem Fuss, als wir kurz innehalten.

Dann rede ich weiter: «Einmal war ich an einer Cacao-Zeremonie. Eine Freundin von mir haltet solche Meditationszirkel ab – und wir trinken rohen Cacao mit Wasser verdünnt und Cayennepfeffer und Vanille gewürzt. Sie war schon überall in der Welt, Bali, Burma, Mongolei, dann zwei Jahre im Süden Indiens... Da war dieser eine Sonntag in Zürich, Wiedikon, wo wir acht Stunden lang in einem wunderschönen Yogaraum verbracht haben. Mandalas aus duftenden Frühlingsblumen auf mattem Fischgrätenparkett legten. Wir haben Yin-Yoga gemacht, weisst du, diese Art von Yoga, wo Posen mehrere Minuten lang ausgehalten werden. Die lizard pose», entgegnete ich, kroch auf den Boden und demonstrierte das Asana, indem ich den einen Hüftbeuger dehnte, das rechte Bein nach hinten ausstreckte und die Ellenbogen auf den Boden stützte, «wird mit der Zeit richtig schwer zu halten. Die Hüfte wird geöffnet, Muskeln werden in die Länge gezogen, gleichzeitig erfordert es stetig moderate Kraft in Beinen und Schultergürtel. Aber eigentlich geht es mehr ums Mentale, stetig ruhig zu atmen und die Geduld aufzubringen, in der Stellung verharren zu vermögen. Einmal wurde mein Blick angestrengt, meine Gesichtszüge nahmen einen wächsernen Ausdruck an. Und dann kam meine Freundin zu mir, ich sah ihre Füsse vor meinen Händen am Boden, sie kniete sich zu mir nieder und hatte gesagt: ‘do not give up. Face your fears. Schau deinem Drachen direkt in die Augen!’ Das ist mir geblieben. Standhaft bleiben. Sich nicht davonwinden. Den Mut haben, sich zu stellen. Eigentlich – wenn ich es mir überlege – sich dem Leben mit all seinen Facetten und insbesondere seinen Schatten, seinen dunklen Seiten zu stellen. Kompromisslos.»

Wir schauen uns kurz an. Stehen auf.

Ich schiebe mein Mountainbike neben mir her, pflücke junge Ahornblätter für das Abendessen später.

[...]


Quarantäne Tag 33: Disaster Fatigue

«distaster fatigue» ist mein neuer Begriff der kommenden Tage, Wochen, ist immer präsent, haltet mit mir Schritt, wenn ich das Rheinufer entlangrenne als mein ständig flüsternder Begleiter: «Komm, Rahel. Scheiss doch drauf.»

Psychische Ermüdungszustände durch schlechte Nachrichten, durch immer gleiche Katastrophen-News, durch stetig neue Corona-Massnahmen. Irgendwann ist es einfach egal, resigniert schaue ich den einzelnen Menschen in der gelben Tram zu, wie sie sitzend geradeaus starren mit ihren Schutzmasken um Mund und Nase. Höre, wie sich die Tram entfernt, dann ein Klingeln irgendwo. War ein Velofahrer wohl irgendwo nicht umsichtig genug, sodass der Fahrer eine Vollbremse machen musste, drückte mit beiden Fersen auf Kuppel und Bremse. «Du Arschloch!»...

[...]







Fotografie: Lucie Badenhorst

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