• Rahel Baer

corona-tagebuch. teil I

Aktualisiert: 3. Aug.


[im Moment zensiert. Um die komplette Version von über 40 Seiten lesen zu können, mich via instagram oder rahel.baer(at)hotmail.com anschreiben.]


SUBJEKTIVE MOMENTAUFNAHMEN UND INNERLICHE ERFAHRUNGWELTEN

AUS DER ZEIT DES LOCKDOWNS.


PS: Die Autorin ist nicht die Erzählerin. Standardsatz aus dem Deutschunterricht in Gymnasiumszeiten. Kennt ihr noch «autofiktional»? Genau das ist folgende Erzählung auch.

Quarantäne Tag 1: «Und mit wem verbringst du deine Quarantäne?»

Alles noch einmal machen, bevor es verboten ist. Kurze Entspannung im Thermalbad, ein letztes Flexen im Fitnesstudio, Popcorn auf dem Teppichboden des Kinos verteilen, draussen saufen mit Freunden. Und im Zuge dessen wird bewusst, dass es das letzte Mal für unbestimmte Zeit war in der Sauna allein am Montagmorgen, wenn alle arbeiten. Nichts mehr mit Schlendern durch die Innenstadt, nutzlos in Läden verweilen, am Flussufer biertrinkend Körper an Körper. Einzelne Bilder von Momenten schiessen durch die Köpfe, mit einem flauen Gefühl im Magen kristallisiert sich heraus: «Hätte ich das letzte Konzert vielleicht doch noch intensiver genossen!»

Ich habe mir Bücher bestellt bei Iris. Die Mutter meiner Freundin Nives hat einen kleinen Buchladen im Herzen Kleinbasels beim Wettsteinplatz, wo sie in der verwinkelten länglichen Örtlichkeit mit haselnussbraunen Dachstreben am Schreibtisch sitzt. Sie begrüsst mich winkend, ein unverkennbares Lachen ertönt im Hintergrund, der Duft ihres frischen Parfums schwebt in der Luft, ich fühle mich willkommen in der sorgfältig kuratierten Bücherinsel. Offiziell ist ihr Laden ab heute geschlossen, falls irgendein:e Beamte:r vor ihrer Tür stehen sollte, würde sie gelassen antworten: «Aber Administratives, hier, in meinem Laden, darf ich ja wohl machen.» Wie so viele Selbstständige versucht sie, wirtschaftlich kreativ zu agieren, Strukturelemente des Alltags von Anfang an beizubehalten. Im reissenden Strom nicht unterzugehen wird vermutlich schwierig werden.

Sie verwickelt mich in ein Gespräch. Währenddessen gebe ich mir Mühe, keine Oberfläche anzufassen, keine Buchdecke zu streicheln, alles nur mit den Augen anschauen. Wie früher, als meine Mama gesagt hat: «Schau mit den Augen, nicht mit den Händen!»

«’Nerds retten die Welt’ von Sybille Berg. Das habe ich noch nicht gelesen. Gibst mir dann Bescheid, ob du es mochtest.»

Und ich nicke und denke mir im selben Atemzug, ob genau diese Personen im wissenschaftlichen Universum mit fachsprachlichem Jargon, aka Nerds der Stunde, wohl auch jetzt die Welt retten würden, indem sie einen Impfstoff gegen Corona im Labor zusammenbasteln. Durch intrinsische Motivation, vielleicht auch durch Unsummen der Pharmaindustrie.

Die Ladentür geht auf, ein kurzes Signalbimmeln der kleinen Glocke oberhalb der Glastür ertönt, ein Mann mittfünfzig schreitet elegant-dynamisch über das Fischgrätenparkett.

«Iris! Du hast geöffnet?» fragt er amüsiert. Er lugt unter den viereckig getönten Gläsern hervor.

«Nicht offiziell. Aber deine Bücher sind angekommen. Du kannst sie gleich mitnehmen», sagt sie.

«Wunderbar!»

Er fokussiert einen Stapel Pantone-Postkarten, 100 Stück in verschiedenen Farben, nummeriert, sortiert nach Farbe.

«Und die nehme ich auch noch!», entgegnet er entschlossen.

Es stellt sich im weiteren Verlauf der Unterhaltung heraus, dass er Dozent an der Hochschule für Gestaltung und Kunst HGK ist, seit einer guten Woche unterrichtet auch er digital. Die Ateliers sind nur noch spärlich mit bestimmen Schlüssel zugänglich. Vernissagen, diverse Veranstaltungen sind bereits für kommendes Semester abgesagt. Plötzlich donnert ein Heer aus Hämmern auf die Porzellangesellschaft, unmittelbar von Schleusen befreite Wassermengen überfluten vermeintliche Sicherheit.

«Die Studienadministration versichert allen Studierenden ihre Prüfungen und kommenden Abschlüsse. Sagen, es werden sich Formen finden, um Kunstprojekte zu realisieren. Aber unter uns, das ist doch reine Psychohygiene, die Studierenden sollen einfach beschäftigt bleiben. Da wird noch viel passieren – und ich bin kein Schwarzmaler. Zumindest nicht im metaphorischen Sinne.» Kurzer trockener Lacher, dann: «So viele, die sich in die Vorbereitungen für Ausstellungen hineingestürzt haben in diesem Semester. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es einen adäquaten Ersatz für Leistungsnachweise im Kunstbereich geben könnte. Wirklich nicht...»

Iris und ich bleiben für eine Zeit lang still, die Pause wird länger und länger und das Schweigen nimmt eine unangenehme Färbung an. Erschlagen von der Informationsflut, lähmende Überforderung, nichts, worauf eine gute Antwort geliefert werden könnte. Diese vielleicht aber auch nicht gefordert wird. Ich zerschneide die stickige Stille durch eine leicht unbeholfene Verabschiedung.

«Habt einen schönen Abend. Und, ähm... gute Gesundheit.»

Ich schwinge mich auf den Velosessel, fahre unter einer Allee hindurch, links und rechts von jungen Spitzahornbäumen gesäumt. Weiter hinten thront eine stattliche Magnolie hinter Eisengitter vor einem Mansardenhaus. Die Blüten sind längst schon verfault, grünbraun verfärbt, halb verdorrt fallen sie von den kahlen Ästen auf den Betonboden. Ein Kind stampft die letzte Frische von den Blumen in den Boden, ein Magnolienmeer dem Erdboden gleichgemacht. Die Mutter zerrt es weg.

Bevor ich nach Hause gehe, mache ich einen kurzen Stopp beim Kiosk an der Ecke vor der Johanniterbrücke. Der Besitzer, mit einem Beret auf dem kahlen Kopf, schmunzelt schon leicht schief, als er mich durch den Eingang gehen sieht. Er weiss auch, was ich kaufe: Sprite und geröstete Sonnenblumenkerne. Mein Standardsnack. Und weil ich zeitweise wirklich Unmengen dieser Kerne gekauft habe, hat er mich einmal angegrinst, auf die Packung gezeigt und gefragt:

«Hast du einen Vogel zu Hause oder wie?»

Meine Reaktion darauf bestand aus einem schallenden Lachen, ein ehrliches Lachen, das er mir entlockt hat, ich habe dann die Stirn gerunzelt, gesagt:

«Hier oben, ja», zeigte auf meine Schläfe, und: «ich rauche nicht mehr. Da brauche ich Ablenkung, wenn der Drang zu gross ist.»

Das stimmt nicht ganz. Meine Mitbewohnerin Lucie versorgt mich zuweilen mit special-Zigis, umgekehrt selbstgedreht mit wenig Tabak und abgetrenntem Leimfilm.

«Und mit wem verbringst du deine Quarantänezeit?» fragt er mich auf einmal.

Ich schaue in fragend an. Schon die zweite Sprachlosigkeit heute.

Quarantäne Tag 2: Momentaufnahme auf dem Balkon

Auf dem Balkon im Samtsessel mit dem abgewetzten Stoff, ein Dunkelrot mit weissen Fusseln und Resten von Zigarettenasche. Eine Erinnerung dringt durch meinen Gedankenstrom, wie wir den Sessel in der Tram transportiert haben zu zweit, gratis zum Mitnehmen, ich auf dem Möbelstück an der Haltestelle posierend als Queen des Quartiers, erhaben mit der Fake-Sonnenbrille.

Wir haben keine Sonne auf dem Balkon, erst im März fängt es an, an der rechten Ecke gegen vier Uhr nachmittags ein bisschen warm zu werden. Ein dünner Streifen Sonne für die blaue Betonwand. Jetzt ist 12.18, Mittwoch, Lucie steht barfuss in Birkenstocksandalen neben dem Tisch. Wir können uns nicht für die Hässlichkeit des Tisches entscheiden, finden ihn aber definitiv auch nicht schön. Im Moment ist er voller Blütenstaub und getrockneter Erde, ein vergilbtes Blatt ziert das eine Ende der Oberfläche. Lucie raucht und schaut gedankenverloren in den Innenhof, wo heute keine Kinder spielen. Neben ihr ein dampfender Chaï mit aufgeschäumter Cashewmilch. Yogitea gibt wieder mal einen buddhistischen Spruch zum Besten. Sowas wie «wir sind alle eins» oder «liebe auch den Anderen» und ähnliche Standardvariationen. Blabla eben. Es riecht nach gegrilltem Fleisch, ein penetranter Geruch von Essen liegt in der Luft. Beide haben Hunger.

«Ey Nives, es riecht voll geil! Ich hab’ mega Lust auf Essen», sagt Lucie.

Die Balkontüren sind offen, die Vorhänge in Lucies Zimmer haben vorher im Wind getanzt, genau wie in diesen Filmen, wenn es romantisch sein soll. Wir sagen «chilliger Sound», zu was jetzt gerade aus den nicen Boxen klingt, eine Stilrichtung zwischen Skatermusik und Indie.

Meine Füsse werden langsam kalt, ich trage Knöchelsocken, eine weite Wollhose und einen grauen, dicken Pullover. Letzteren habe ich vom Café noch mitgenommen am Montag. Wenn Fundstücke eben nicht abgeholt werden, dann nehme ich sie mit. Pech gehabt. Wenn man sich an Materielles nicht erinnern kann, vielleicht nicht mal mehr weiss, dass es verloren oder irgendwo vergessen gegangen ist, ist es der Pullover auch nicht wert. Dann erfreue ich mich an der kuschligen Innenseite, die kein bisschen kratzt und mich genau jetzt in diesem Moment wärmt. Danke an irgendwer.

Die Assoziation zur Quarantäne ist für mich eher ein abgesperrter Ort in Krankhäusern einer amerikanischen Krimiserie. Das eine Zimmer, welches nur mit einem Ganzkörperanzug betreten werden darf, vorher und nachher Ganzkörperdesinfektion, Mundschutz und Kopfschutz. Im Hintergrund ein leiser Beat, Dissonanzakkorde erzeugen nervöses Kribbeln bei den Leuten, die an ihren Bildschirmen in der narrativgesäulten Welt versinken. Quarantäne heisst am 18.03.2020 auf Anweisung des Schweizer Bundes: Bleiben Sie zu Hause. Geschlossene Grenzen, geschlossene Geschäfte. Schule zu, Uni zu, Restaurant zu, Fitnesscenter zu. Keine Clubs, kein Kino. Alles, wo es potenziell Menschenansammlungen gäbe. Besser nicht, lieber Sterilium und «social distancing». Zwei Meter Abstand mindestens. Und der schweizerische Prototyp braucht nicht einmal eine Ausgangssperre, um nicht vor die Haustüre zu gehen. Selbstkontrolliert und korrekt wie er ist, macht er Zuhause seinen Frühlingsputz und nutzt seine Zeit sinnvoll.

Ich habe mir vorher einen Kaffee geholt aus dem kleinen Imbiss nebenan. Ich durfte mich nicht hinsetzten, also habe ich gefragt, ob ich die Tasse Café Creme mit in den Park nehmen könne. Aber nur, wenn ich sie denn wirklich wieder zurückbringe. Das weite Grün des St. Johanns-Parks war weitgehend leer. Zwei Menschen in naher Ferne lagen auf einer Picknickdecke und umarmten sich. Ich sass im feuchten Gras und schlürfte gedankenverloren das sämige Braun aus der Keramiktasse.

Jetzt ist das Essen fertig. Spinatsalat mit Kichererbsen, frittierte Aubergine und in Kräuteröl getränkter Fetakäse. Für uns ist die Welt gerade noch in Ordnung. Die Vögel zwitschern. Nur noch den Tisch putzen. Dann wird gegessen.

Quarantäne Tag 3: Apokalypse

Apokalypse trägt die Farben von versengtem Gras und dürrem Gesträuch, massivem Silber von Bunkern und eisblauem Himmel. Gleissendes Sonnenlicht brennt Löcher in eine menschenleere Wüste. Irgendetwas liegt in der Luft, es ist nicht klar was, es könnte geruchloses, aber gefährliches Gas oder unsichtbare radioaktive Strahlung sein, eine stereotype Szenerie, aber auf jeden Fall subtil bedrohlich.

Wieder bin ich im Park, liege auf der farbigen Mexikodecke und die Vögel zwitschern noch immer. Ausgelassen. Zwei Raben hocken auf dem Haselbaum, dessen dreiteiliger Stamm mir Schatten spendet. Die Frühlingssonne ist mild, wärmt und bräunt die Haut behutsam.


[...]



Fotografie: Lucie Badenhorst

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