EIN LITERATURPROJEKT

  • Rahel Baer

CORONA – TAGEBUCH. TEIL 1

Aktualisiert: Mai 17


[im Moment zensiert. Um die komplette Version von über 40 Seiten lesen zu können, mich via instagram oder rahel.baer(at)hotmail.com anschreiben.]


SUBJEKTIVE MOMENTAUFNAHMEN UND INNERLICHE ERFAHRUNGWELTEN

AUS DER ZEIT DES LOCKDOWNS.


PS: Die Autorin ist nicht die Erzählerin. Standardsatz aus dem Deutschunterricht in Gymnasiumszeiten. Kennt ihr noch «autofiktional»? Genau das ist folgende Erzählung auch.

16.3.20: Ausnahmezustand

Ich starre in die Leere. Vor meinen Augen verschwimmt die Aussicht auf den Erasmusplatz durch die mit Blütenpollen beschlagenen grossen Fenster des Cafés. Aus weissem Kreidestift steht «Kleine Freiheit» in Schnörkelschrift auf der oberen Hälfte des durchsichtigen Glases. Von innen betrachtet ist es spiegelverkehrt. Autos passieren die Strasse in regelmässigen Abständen, es ist vier Uhr nachmittags, das kurze Lärmvakuum vor dem Feierabendverkehr.

Mein Blick löst sich vom Draussen und schweift durch den spärlich besetzten Gastraum. Hier drinnen ist nicht viel los heute. Eine ältere Frau mit roter Hornbrille und grauen kurzen Haaren sitzt in der rechten hinteren Ecke am Eichentisch mit den zwei stahlsilbernen Stühlen, nippt an einen dampfenden Zitrone-Ingwer-Tee und senkt gerade einen Teelöffel voll mit Honig ins heisse Wasser. Vor ihr aufgeklappt ihr kleiner schwarzer Laptop, mattglänzend mit leuchtendem Apfelzeichen, neben ihr beschriebene weisse Blätter verstreut auf der Holzplatte. Dann ist da noch ein Freund von mir auf der anderen Seite des Raumes in der Lounge, sitzt auf einem weichen Sessel mit grosszügiger Lehne, liest mit konzentriertem Blick in seinem aufgeschlagenen Buch, welches er mit dem plastifizierten Buchrücken auf seinen Knien abgelegt hat. «Anatomie für Medizin», wie er mir später erklärt. Alle seine Vorlesungen sind bereits in den digitalen Raum verschoben worden, lässt er mich ausserdem wissen.

Mir ist ein bisschen langweilig, ich verfalle in einen temporären Dämmerzustand, wenn niemand Kaffee bestellt. Laufe im Café umher, putze die Tische, rücke die Stühle zum dritten Mal zurecht, verschiebe das Stuhlbein noch um zwei Millimeter. Fege den sauberen Boden; da liegt ein vertrocknetes Blatt des mächtigen Gummibaumes auf den hellbraunen Steinplatten. Ich lasse es liegen, tue so, als hätte ich es nicht gesehen, so kann ich mich später nochmals bewegen, mich bücken und die Zeit totschlagen, ich will mich nicht immer am Thekenrand abstützen, Getränke sortieren, Kaffeemaschine polieren, den Anschein erwecken, stetig leicht beschäftigt zu sein.

Inmitten des Gefühls der Öde keimt in mir eine kribbelnde Aufgekratztheit auf. Ein sonderbarer Schleier hat sich über Basel gelegt, der Anfang einer unbestimmten Zeit mit einem unbestimmten Virus, erste eindämmende Massnahmen gegen die Verbreitung wurden bereits letzte Woche vom Bund bestimmt. Nicht mehr als fünfzig Personen an öffentlichen Orten und in Einrichtungen. Letzten Samstagabend waren wir zu dritt im Service, das Lokal war gut besetzt, stetig mussten wir kommende Gäste abweisen, da wir das Limit an Personen längst überschritten hatten. Wir hatten es nicht so genau genommen, so wie auch unser Betrieb die Hygienemassnahmen Pi mal Daumen befolgte. Dann und wann wurden eingetrocknete Rotweinreste auf der Steintischplatte mit Desinfektionsspray geputzt. Noch einmal in eine Bar gehen nach Feierabend, noch einmal eng aneinander tanzende Menschentrauben im abgedunkelten Club spüren; Drogennebel, dröhnender Bass im Trommelfell bis zur Gegend im Solarplexus. Noch einmal die Augen schliessen, schweben im Spektrum der Schwingungen von nervös redend, himmelhochjauchzend johlend hin zu destruktiv leeren Seufzern und müden Blicken.

Gerüchte über einen kommenden Lockdown, nicht sicher, was dieses Wort bedeuten sollte. Unsicherheit, ob am kommenden Montag überhaupt noch gearbeitet werden kann. Ungläubiges Kopfschütteln, sowas wird es hier nicht geben. Oder? Vor vier Wochen war in der Tagesschau schon von einem neuartigen Krankheitserreger die Rede, China im Ausnahmezustand. Der Ferne Osten ist hierzulande in jeglicher Hinsicht sehr weit weg, irgendwo vermerkt auf den mentalen Karten halbwegs gebildeter Menschen, man mag gebratene Ente und die chinesische Mauer, da tauchen Bilder im Kopf auf von Märkten mit verwestem Hundefleisch, Menschen in überfüllten Metros. Ein paar historische Fakten dahergelegt, womöglich von der kommunistischen Diktatur unter Mao back in the days, vielleicht noch ein horizonterweiternder Auslandaufenthalt in Peking kurz nach Studienabgang. Selten direkter Kontakt, reale Berührungspunkte, es ist eine zu andere Welt, als dass sie mit der unseren in tatsächlicher Verbindung stehen könnte. Denken wir.

Ein Stirnrunzeln bei denjenigen, die sich bei der Schweinegrippe vor zwölf Jahren noch Mundschutz und Einweghandschuhe stapelweise gekauft haben, die jetzt in den Dachstöcken von einer dicken Staubschicht ummantelt sind. Bis jetzt sind alle Epidemien dann doch irgendwie glimpflich ausgegangen. Der Begriff «Pandemie», also eine ganze Länderstriche umfassende Seuche, eine Epidemie im grossen Ausmass, wurde nur selten verwendet, und wenn, dann um leise Angst zu schüren, ein wenig Sensationslust, aber in dieser Dosierung, um die Wellen der Panik moderat zu halten. So jedenfalls nahm ich es wahr.

Corona-Witze wurden letztens bei halbherzigem Hüsteln rege verwendet, Anaïs, Geschäftsführerin des Cafés, fühlte sich schlapp vor einer Woche, blieb nicht zu Hause, zu viel um die Ohren. Neue Getränkelieferungen, neue Arbeitsverträge.

Irgendwann mache ich die Abrechnung vom Montag, 16.3. und warte, verharrend in meinen inneren Gedankenströmen, äusserlich präsent, bis meine Ablösung kommt. Einen Umsatz von nicht einmal siebzig Franken, kein einziges verkauftes Mittagessen. Jetzt ist das Café komplett leer, gerade vorher habe ich mich von meinem Freund unter einem zaghaft-zögerlichen «Nein» ohne Umarmung verabschiedet.

Der Chat unserer Mitarbeitenden läuft indes auf Hochtouren.

«Schaut doch mal auf den Newsticker, alle Restaurants müssen bis 24.00 Uhr geschlossen haben. Beschluss des Bundes.»

«Rahel, bist du noch da? Ich komme gleich.» tippt da Juan, für die Abendschicht eingetragen.

Wir stehen uns wenig später gegenüber, weit geöffnete Augen, fragende Blicke. Er telefoniert umher, wir warten, bis wir die Bestätigung zur temporären Schliessung erhalten. Zeit verstreicht, wieviel weiss ich nicht mehr, wir hören laut Musik, mir ist zum Tanzen und gleichzeitigem Stillstand zumute. Wir trinken gekühltes Bier, sitzen auf dem Tresen, es kommt heute sowieso niemand mehr. Dann klingelt Juans Telefon, er hört der Stimme am anderen Ende der Leitung zu, nickt dann, schaut mich an, halb zusammengepresste Lippen aufgrund innerer Spannung – nicht unbedingt der negativen Art. Eher wie überspannte Stromleitungen. Dann legt er auf und informiert abwesend-entrückt:

«Schliessen.»

Wir räumen die Küche leer. Nehmen alles mit, was in den nächsten Tagen verderben würde. Die Suppe blubbert auf niedriger Stufe, ich hebe die randvoll gefüllte Pfanne vom Gasherd und schütte den gesamten Inhalt in zwei grosse Behälter aus Edelstahl. Angebrochene Packungen Eier, Mozzarella, vorgekochtes Gemüse, Apfelstrudel, gerüsteter Salat, Zwiebelsprossen, halbfrische Gebäckstücke, Baguette und geschnittene Spinatquiche – alles teilen wir untereinander auf. Mein Velokorb ist bis oben mit Essen bepackt.

Mein Herz flattert schnell, unregelmässig, es dämmert schon, als ich über die Johanniterbrücke radle.

Später um Mitternacht fahre ich nochmals am Café vorbei. Im Fenster erstrahlt ein von innen beleuchteter Globus der auf dem weiten Sims steht, nebenan Zimmerpflanzen, die verzerrte Schatten an die Kachelwand werfen. Unter dem Schriftzug der Kleinen Freiheit steht nun provisorisch mit roter Kreidefarbe: «Bis auf Weiteres geschlossen». Die Szenen von vorhin spielen sich wie umfallende Dominosteine vor meinen Augen ab, rapides Tempo, ein paar Stunden später ist alles anders. Der Wind bläst mir die Haare ins Gesicht.

«Für was Getränkebestellungen», frage ich mich und schüttle den Kopf.

Quarantäne Tag 1: «Und mit wem verbringst du deine Quarantäne?»

Alles noch einmal machen, bevor es verboten ist. Kurze Entspannung im Thermalbad, ein letztes Flexen im Fitnesstudio, Popcorn auf dem Teppichboden des Kinos verteilen, draussen saufen mit Freunden. Und im Zuge dessen wird einem bewusst, dass es das letzte Mal für unbestimmte Zeit war in der Sauna allein am Montagmorgen, wenn alle arbeiten. Nichts mehr mit Schlendern durch die Innenstadt, nutzlos in Läden verweilen, am Flussufer biertrinkend Körper an Körper. Einzelne Bilder von Momenten schiessen durch die Köpfe, mit einem flauen Gefühl im Magen kristallisiert sich heraus: «Hätte ich das letzte Konzert vielleicht doch noch intensiver genossen!»

Ich habe mir Bücher bestellt bei Iris. Die Mutter meiner Freundin Nives hat einen kleinen Buchladen im Herzen Kleinbasels beim Wettsteinplatz, wo sie in der verwinkelten länglichen Örtlichkeit mit haselnussbraunen Dachstreben am Schreibtisch sitzt. Sie begrüsst mich winkend, ein unverkennbares Lachen ertönt im Hintergrund, der Duft ihres frischen Parfums schwebt in der Luft, man fühlt sich willkommen in der sorgfältig kuratierten Bücherinsel. Offiziell ist ihr Laden ab heute geschlossen, falls irgendein Beamter vor ihrer Tür stehen sollte, würde sie gelassen antworten: «Aber Administratives, hier, in meinem Laden, darf ich ja wohl machen.» Wie so viele Selbstständige versucht sie, wirtschaftlich kreativ zu agieren, Strukturelemente des Alltags von Anfang an beizubehalten. Im reissenden Strom nicht unterzugehen wird vermutlich schwierig werden.

Sie verwickelt mich in ein Gespräch. Währenddessen gebe ich mir Mühe, keine Oberfläche anzufassen, keine Buchdecke zu streicheln, alles nur mit den Augen anschauen. Wie früher, als meine Mama gesagt hat: «Man schaut mit den Augen, nicht mit den Händen!»

«’Nerds retten die Welt’ von Sybille Berg. Das habe ich noch nicht gelesen. Gibst mir dann Bescheid, ob du es mochtest.»

Und ich nicke und denke mir im selben Atemzug, ob genau diese Personen im wissenschaftlichen Universum mit fachsprachlichem Jargon, aka Nerds der Stunde, wohl auch jetzt die Welt retten würden, indem sie einen Impfstoff gegen Corona im Labor zusammenbasteln. Durch intrinsische Motivation, vielleicht auch durch Summen der Pharmaindustrie.

Die Ladentür geht auf, ein kurzes Signalbimmeln der kleinen Glocke oberhalb der Glastür ertönt, ein Mann mittfünfzig schreitet elegant-dynamisch über das Fischgrätenparkett.

«Iris! Du hast geöffnet?» fragt er amüsiert. Er lugt unter den viereckig getönten Gläsern hervor.

«Nicht offiziell. Aber deine Bücher sind angekommen. Du kannst sie gleich mitnehmen», sagt sie.

«Wunderbar!»

Er fokussiert einen Stapel Pantone-Postkarten, 100 Stück in verschiedenen Farben, nummeriert, sortiert nach Farbe.

«Und die nehme ich auch noch!», entgegnet er entschlossen.

Es stellt sich im weiteren Verlauf der Unterhaltung heraus, dass er Dozent an der Hochschule für Gestaltung und Kunst HGK ist, seit einer guten Woche unterrichtet auch er digital. Die Ateliers sind nur noch spärlich mit bestimmen Schlüssel zugänglich. Vernissagen, diverse Veranstaltungen sind bereits für kommendes Semester abgesagt. Plötzlich donnert ein Heer aus Hämmern auf die Porzellangesellschaft, unmittelbar von Schleusen befreite Wassermengen überfluten vermeintliche Sicherheit.

«Die Studienadministration versichert allen Studierenden ihre Prüfungen und kommenden Abschlüsse. Sagen, es werden sich Formen finden, um Kunstprojekte zu realisieren. Aber unter uns, das ist doch reine Psychohygiene, die Studierenden sollen einfach beschäftigt bleiben. Da wird noch viel passieren – und ich bin kein Schwarzmaler. Zumindest nicht im metaphorischen Sinne.» Kurzer trockener Lacher, dann: «So viele, die sich in die Vorbereitungen für Ausstellungen hineingestürzt haben in diesem Semester. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es einen adäquaten Ersatz für Leistungsnachweise im Kunstbereich geben könnte. Wirklich nicht...»

Iris und ich bleiben für eine Zeit lang still, die Pause wird länger und länger und das Schweigen nimmt eine unangenehme Färbung an. Erschlagen von der Informationsflut, lähmende Überforderung, nichts, worauf eine gute Antwort geliefert werden könnte. Diese vielleicht aber auch nicht gefordert wird. Ich zerschneide die stickige Stille durch eine leicht unbeholfene Verabschiedung.

«Habt einen schönen Abend. Und, ähm... gute Gesundheit.»

Ich schwinge mich auf den Velosessel, fahre unter einer Allee hindurch, links und rechts von jungen Spitzahornbäumen gesäumt. Weiter hinten thront eine stattliche Magnolie hinter Eisengitter vor einem Mansardenhaus. Die Blüten sind längst schon verfault, grünbraun verfärbt, halb verdorrt fallen sie von den kahlen Ästen auf den Betonboden. Ein Kind stampft die letzte Frische von den Blumen in den Boden, ein Magnolienmeer dem Erdboden gleichgemacht. Die Mutter zerrt es weg, zieht ihren Zögling schleifend hinter sich her.

Bevor ich nach Hause gehe, mache ich einen kurzen Stopp beim Kiosk an der Ecke vor der Johanniterbrücke. Der Besitzer, mit einem Beret auf dem kahlen Kopf, schmunzelt schon leicht schief, als er mich durch den Eingang gehen sieht. Er weiss auch, was ich kaufe: Sprite und geröstete Sonnenblumenkerne. Mein Standardsnack. Und weil ich zeitweise wirklich Unmengen dieser Kerne gekauft habe, hat er mich einmal angegrinst, auf die Packung gezeigt und in gebrochenem Deutsch gefragt:

«Hast du einen Vogel zu Hause oder wie?»

Meine Reaktion darauf bestand aus einem schallenden Lachen, ein ehrliches Lachen, das er mir entlockt hat, ich habe dann die Stirn gerunzelt, gesagt:

«Hier oben, ja», zeigte auf meine Schläfe, und: «ich rauche nicht mehr. Da brauche ich Ablenkung, wenn der Drang zu gross ist.»

Das stimmt nicht ganz. Meine Mitbewohnerin Lucie versorgt mich zuweilen mit special-Zigis, umgekehrt selbstgedreht mit wenig Tabak und abgetrenntem Leimfilm.

«Und mit wem verbringst du deine Quarantänezeit?» fragt er mich auf einmal.

Ich schaue in fragend an. Schon die zweite Sprachlosigkeit heute.

Quarantäne Tag 2: Momentaufnahme auf dem Balkon

Auf dem Balkon im Samtsessel mit dem abgewetzten Stoff, ein Dunkelrot mit weissen Fusseln und Resten von Zigarettenasche. Eine Erinnerung dringt durch meinen Gedankenstrom, wie wir den Sessel in der Tram transportiert haben zu zweit, gratis zum Mitnehmen, ich auf dem Möbelstück an der Haltestelle posierend als Queen des Quartiers, erhaben mit der Fake-Sonnenbrille.

Wir haben keine Sonne auf dem Balkon, erst im März fängt es an, an der rechten Ecke gegen vier Uhr nachmittags ein bisschen warm zu werden. Ein dünner Streifen Sonne für die blaue Betonwand. Jetzt ist 12.18, Mittwoch, Lucie steht barfuss in Birkenstocksandalen neben dem Tisch. Wir können uns nicht für die Hässlichkeit des Tisches entscheiden, finden ihn aber definitiv auch nicht schön. Im Moment ist er voller Blütenstaub und getrockneter Erde, ein vergilbtes Blatt ziert das eine Ende der Oberfläche. Lucie raucht und schaut gedankenverloren in den Innenhof, wo heute keine Kinder spielen. Neben ihr ein dampfender Chaï mit aufgeschäumter Cashewmilch. Yogitea gibt wieder mal einen buddhistischen Spruch zum Besten. Sowas wie «wir sind alle eins» oder «liebe auch den Anderen» und ähnliche Standardvariationen. Blabla eben. Es riecht nach gegrilltem Fleisch, ein penetranter Geruch von Essen liegt in der Luft. Beide haben Hunger.

«Ey Nives, es riecht voll geil! Ich hab’ mega Lust auf Essen», sagt Lucie.

Die Balkontüren sind offen, die Vorhänge in Lucies Zimmer haben vorher im Wind getanzt, genau wie in diesen Filmen, wenn es romantisch sein soll. Wir sagen «chilliger Sound», zu was jetzt gerade aus den nicen Boxen klingt, eine Stilrichtung zwischen Skatermusik und Indie.

Meine Füsse werden langsam kalt, ich trage Knöchelsocken, eine weite Wollhose und einen grauen, dicken Pullover. Letzteren habe ich vom Café noch mitgenommen am Montag. Wenn Fundstücke eben nicht abgeholt werden, dann nehme ich sie mit. Pech gehabt. Wenn man sich an Materielles nicht erinnern kann, vielleicht nicht mal mehr weiss, dass es verloren oder irgendwo vergessen gegangen ist, ist es der Pullover auch nicht wert. Dann erfreue ich mich an der kuschligen Innenseite, die kein bisschen kratzt und mich genau jetzt in diesem Moment wärmt. Danke an irgendwer.

Die Assoziation zur Quarantäne ist für mich eher ein abgesperrter Ort in Krankhäusern einer amerikanischen Krimiserie. Das eine Zimmer, welches nur mit einem Ganzkörperanzug betreten werden darf, vorher und nachher Ganzkörperdesinfektion, Mundschutz und Kopfschutz. Im Hintergrund ein leiser Beat, Dissonanzakkorde erzeugen nervöses Kribbeln bei den Leuten, die an ihren Bildschirmen in der narrativgesäulten Welt versinken. Quarantäne heisst am 18.03.2020 auf Anweisung des Schweizer Bundes: Bleiben Sie zu Hause. Geschlossene Grenzen, geschlossene Geschäfte. Schule zu, Uni zu, Restaurant zu, Fitnesscenter zu. Keine Clubs, kein Kino. Alles, wo es potenziell Menschenansammlungen gäbe. Besser nicht, lieber Sterilium und «social distancing». Zwei Meter Abstand mindestens. Und der schweizerische Prototyp braucht nicht einmal eine Ausgangssperre, um nicht vor die Haustüre zu gehen. Selbstkontrolliert und korrekt wie er ist, macht er Zuhause seinen Frühlingsputz und nutzt seine Zeit sinnvoll.

Ich habe mir vorher einen Kaffee geholt aus dem kleinen Imbiss nebenan. Ich durfte mich nicht hinsetzten, also habe ich gefragt, ob ich die Tasse Café Creme mit in den Park nehmen könne. Aber nur, wenn ich sie denn wirklich wieder zurückbringe. Das weite Grün des St. Johanns-Parks war weitgehend leer. Zwei Menschen in naher Ferne lagen auf einer Picknickdecke und umarmten sich. Ich sass im feuchten Gras und schlürfte gedankenverloren das sämige Braun in der Keramiktasse.

Jetzt ist das Essen fertig. Spinatsalat mit Kichererbsen, frittierte Aubergine und in Kräuteröl getränkter Fetakäse. Für uns ist die Welt gerade noch in Ordnung. Die Vögel zwitschern. Nur noch den Tisch putzen. Dann wird gegessen.

Quarantäne Tag 3: Apokalypse

Apokalypse trägt die Farben von versengtem Gras und dürrem Gesträuch, massivem Silber von Bunkern und eisblauem Himmel. Gleissendes Sonnenlicht brennt Löcher in eine menschenleere Wüste. Irgendetwas liegt in der Luft, es ist nicht klar was, es könnte geruchloses, aber gefährliches Gas oder unsichtbare radioaktive Strahlung sein, eine stereotype Szenerie, aber auf jeden Fall subtil bedrohlich.

Wieder bin ich im Park, liege auf der farbigen Mexikodecke und die Vögel zwitschern noch immer. Ausgelassen. Zwei Raben hocken auf dem Haselbaum, dessen dreiteiliger Stamm mir Schatten spendet. Die Frühlingssonne ist mild, wärmt und bräunt die Haut behutsam.


[...]



Fotografie: Lucie Badenhorst

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