EIN LITERATURPROJEKT

  • Rahel Baer

DIE WANDERUNG


[Auf der kleinen spoken word-Bühne am JKF trug ich diesen Text vor unter dem Namen "Reise und Raum". Der Text ist als Loop aufgebaut, der mit einer kurzen Meditationssequenz beginnt und endet und so die introspektive Reise abrundet.]


MEDITATION I

Wenn du magst, schliesse nun deine Augen für einen Augenblick. Lasse deinen Atem regelmässig fliessen.

Nimm wahr, wie sich deine Bauchdecke hebt und senkt,

vielleicht spürst du auch deinen Herzschlag pulsieren.

[...]


Teil I: TAG

Es wird Tag.

Du überquerst eine üppige Blütenwiese:

Wiesenschaumkraut, Wildklee, Vergissmeinicht,

beinlange Gräser, pollenbepackte Bienen.

Die Pflanzenspitzen kitzeln deine Unterschenkel.

Fast schon kitschig sieht es aus,

diese bunten Flecken im satten Grün

umrahmt von einer mächtigen Felskette -

Darüber legt sich der dunstig-blaue Morgenhimmel und

die Sonnenstrahlen wärmen deinen Nacken.


Der Trampelpfad mündet in einen schmalen Weg,

der mit dürren Tannennadeln übersät ist.

Du gehst hinein in den Wald,

deine Wanderschuhe federn auf dem Grund.

Du tanzt über die tiefen Wurzeln.

Abrupt wird es kühler, schattig,

die Luft trägt den Duft von Harz zu dir.

Das Reisig zerkratzt deine Unterarme.

Du guckst auf den Boden,

da sind ein paar Walderdbeeren, die sorglos an den Stängelchen baumeln.

Die Blätter haben eine ebenmässige, wächserne Oberfläche.

Sie sehen aus, als wären sie aus Plastik,

«Schon absurd», denkst du dir,

«wie etwas Natürliches derart künstlich wirken kann.»

Ja, schon bizarr, dass du beim Anblick von Walderdbeeren eher an Ikea als an

die Schöpferkraft von Mutter Erde denkst.

Diese Etappe ist kurz, denn da vorne markiert das goldgelbe Tageslicht

das Ende dieses Tannen-Tunnels.


Du wanderst weiter.


Irgendwann ersteigst du die ersten Felsen,

Tritt für Tritt,

die Anstrengung macht sich langsam breit.

Die Struktur des Felsens ist glatt, fast schon seiden,

wenn du mit der rauen Hand darüberfährst.

Da war einmal ein Gletscher, der das Gestein formte,

streichelte,

sich schliesslich Zentimeter für Zentimeter zurückzog in die Bergspitzen,

wo sich sein Dasein stetig verflüssigt.

1971 Meter weniger als vor ein paar Jahren.

3081 Meter über Meer.


Der karge Weg wandelt sich zu einem dünnen Gehsteig

am Rande des Abgrunds,

wirklich,

denn bei jedem Fehltritt könntest du in die Tiefe stürzen.

Da ist ein Seil, an dem du dich festhalten kannst,

zum Glück.


Felsen haben etwas Monumentales,

das dich augenblicklich klein und unbedeutend fühlen lässt,

aber gleichzeitig auch abschirmt.

Da ist diese Geborgenheit in den Gesteinsschichten,

die du tatsächlich greifst und begreifst.

Du findest dich in einer Einbuchtung wieder,

auf deinem Kopf ein Helm,

der dich von dem herabstürzenden Kleingeröll schützt.

Die Karabinerhaken sind sicher in der Metallöse,

du umklammerst die Wand mit deinen Händen.

Da merkst du mal, wie viele Fingermuskeln du eigentlich besitzt.

Die Kraft reicht gerade noch aus,

um auf dem Überhang die letzten Meter

hochzuklettern,

dich hochzuhieven auf das Plateau.


Das bedeutet es also,

einen Felsen zu erklimmen,

einen Berg zu bezwingen:

Diese Verausgabung für ein bisschen Freiheitsgefühl.

So könnte sie aussehen, die Pforte vor dem Paradies,

so sieht es aus, das Ende der Welt in diesen Wolken: Dunkelgrünes Gras, Enzian und graublaue Steinbrocken, die sich in der Mitte sammeln.

Nebel verdeckt die Weitsicht, umhüllt die Hochebene,

macht die Stimmung intim,

lässt laute Melodien ersticken.

Du läufst dem kleinen Weg entlang, es beginnt leise zu nieseln.

Da vorne ist der steile Abhang vom Nebel verdeckt.

Und plötzlich berührt sie dich kurz,

die Urkraft,

die Quelle,

die source.

Da ist etwas Mächtiges, das sich allen bekannten Worten entzieht.

Da ist lediglich ein Gefühl,

von dem du weisst, dass es sich

real anfühlt.


Beim Abstieg sind Wolken, die aussehen wie Berge und

Berge, die aussehen wie Wolken.

Cumuluswolken, die sich in den Himmel türmen.

Turmwolken.

Der Weg ist steinig.

«Buchstäblich», keuchst du dir selbst zu.

Der Schweiss tropft,

rinnt ins Auge,

es brennt.

Dein Gesicht pocht und ist gerötet,

das Blut wird durch deine Herzkammern gepumpt, als gäbe es keinen Morgen.


Innerhalb von ein paar Stunden hast du

komplett unterschiedlichste Szenerien passiert,

bist in Naturwelten getaucht

und du fragst dich, wie es möglich ist,

dass eine Landschaft so viel Schönheit birgt.


Der Weg ist das Ziel, aber auch ist das Ziel das Ziel,

denn die SAC-Hütte ist auf dem nächsten kleinen Gipfel,

wartet in der Abendsonne auf dich mit

einem luftigen Schlafsack und Gerstensuppe.


Die Schritte löchern, lösen den Verstand,

lassen ihn gleiten über die Gletscherzunge,

die sich auflöst, der Steinwand entlangtröpfelt.

Du bist dir nicht mehr ganz im Klaren,

wann du gehst und wann du stehst,

wo du stehst -

alles ist ein Fliessen,

wie das Wasser, das die Kerbe formt.



Teil II: NACHT

Es wird Nacht.

Du drückst die Klinke der Eingangstüre der Hütte.

Warme Luft strömt dir entgegen.

Dein erster Impuls ist: «Schuhe ausziehen!»,

der zweite ist: «Rucksack abwerfen!»

Die Füsse sind leicht geschwollen,

ein paar Blasen zeichnen sich an der Ferse ab.

Die Riemen des Rucksacks haben Spuren an deinen Schultern hinterlassen.

Dein Gepäck ist schwer.


Im kleinen Speiseraum sitzen die Leute vor ihren Menüs.

Du setzt dich allein an einen der Holztische und bestellst deine ersehnte Suppe.


Die Suppe hat Fettaugen,

in der du deine Iris wabern siehst.

Du tauchst den Löffel in die Suppe,

die Graupen rinnen deine Speiseröhre hinab

in den leeren Magen,

der sich vor Hunger zusammenzieht,

die Säure blubbert in der Schleimhaut.

Jetzt spürst du die enorme Erschöpfung.

Dein Körper fühlt sich an wie

eine zu schwere Feder.


Du starrst in die Schale.

Auf einmal dreht sich die Oberfläche der Suppe um 180 Grad,

oben ist unten,

unten ist oben,

ich bin in einer Parallelwelt.

Du bist ich.

Ich bin in der Ursuppe,

irgendwo -

Sterne sind Graupen und

Graupen sind Sterne,

Ich tauche.


Der Fussboden spiegelt sich in der Decke -

Oder umgekehrt?

Ich erblicke mich selbst,

eine schwefelgelbe Narzisse säumt das Porträt,

ich nehme sie in die Hände und puste daran,

die Blätter zerfallen zu Staub,

Staub, der glitzert,

Sternenstaub,

der an mir kleben bleibt.


Der ganze Kosmos reflektiert sich in der Suppe,

er ist die Suppe,

wirklich,

denn ich schaue in den Sternenhimmel und

die Graupen glitzern,

ich nehme eine vom Himmel und stecke sie mir in den Mund,

sie schmeckt nach Unendlichkeit.

So etwas habe ich noch nie probiert,

bis anhin fühlte ich höchstens einen Bruchteil einer möglichen Unendlichkeit,

nun schmecke ich sie in aller Fülle.

Ich schmecke die Zeit in all ihrer Ausdehnung.


Dann schliesse ich die Augen.

Da ist der Mond und geht im Zeitraffer auf,

tick, tack, tick tack,

wölbt sich über die Berge zur Mitte des Himmelszelt.

Da bleibt er und will nicht von der Stelle weichen.

Wohin ich gehe, wirft mir das Licht meinen eigenen Schatten nach,

erbarmungslos,

als würde es sagen wollen: Schau hin!

Der Mond lässt die Dunkelheit durch sein Licht verschwinden und gleichzeitig entstehen.

Ich drehe mich um, drehe mich im Kreis,

der Schatten haftet an mir,

ist mir dicht an den schmerzenden Fersen.


Die angenehme Stille auf dem Gipfel

wirkt zunehmend beängstigend.

Das ist die Kehrseite.

Der Perspektivwechsel.

Tag und Nacht.

Du und ich.


Der Speiseraum verdichtet sich,

wirkt eng,

ist so beengend, dass ich gehen muss.

Ich öffne die Türe zum Mehrbettzimmer.

Das Zimmer pulsiert, als ob es im nächsten Moment dabei wäre

zu explodieren in allen Farben,

die das Lichtspektrum zu bieten hat.

Es scheint langgezogen wie ein Tunnel.

Ich weiss nicht, ob sich alles nach vorne verschiebt oder ob ich stetig fliege.

Der Unterschied fällt mir schwer.

Da vorne sehe ich dich,

wie du rückwärts durch die Landschaft wanderst,

eine Walderdbeere an das Stängelchen anbringst und dich fragst,

wie so ein Erdbeerblatt natürlich sein kann und gleichzeitig so künstlich anmutet.

Du entrunzelst die Stirn.

Die Morgensonne wärmt deinen Nacken und geht unter.


Da wird mir etwas klar.

Erst Tag und Nacht ergeben zusammen die volle Erdumdrehung.

Ohne Schatten kein Licht.

Ohne Ich kein Du.

Ich pendle noch immer zwischen uns.


Der Fussboden spiegelt sich in der Decke -

Oder umgekehrt?

Ich erblicke dich,

eine schwefelgelbe Narzisse säumt das Porträt

und ich umarme dich für eine Bruchteil einer Sekunde

ehe du dich auflöst zu glitzerndem Sternenstaub und dich einfügst in dieses

Fleckchen Firmament.


Das Zimmer verformt, flirrt.

Ich habe mir Fliegen abenteuerlich und wunderschön vorgestellt,

aber im Endeffekt gewöhnt man sich

so schnell an Gegebenheiten,

nicht?

Man versucht Dinge zu verfolgen und dabei zu bleiben,

aber am Ende lässt man sich doch leiten.

Da vorne sehe ich die holzige Zimmertür,

Normgrösse,

sie wirkt durch die vertraute Alltäglichkeit

wie eine logische Gegebenheit und doch

wie ein immenser

Bruch,

eine

Zäsur

im Flusse des Zeitstroms.

Nun stehe ich vor ihr.

Links und rechts säumt die Tunnelwand das Bild.

Mit einer Selbstverständlichkeit drücke ich die Klinke

-

und lande auf dem Stuhl,

der Gedankenstrom geht vom Scheitel her zurück in den Kopf.

Da vorne liest jemand vor,

und du fühlst dich leicht betreten,

weil du nicht weisst,

ob du wirklich zugehört

oder nicht deine eigene Reise angetreten hast.


Die Suppe wird abgeräumt.

«Danke», bringst du knapp über die Lippen.


MEDITATION II

Eine Erleichterung macht sich in dir breit.

Sie geht von deinem Kopf aus Richtung Hals, Brustbereich, Solarplexus, Bauch,

über deine beiden Oberschenkel, Unterschenkel,

Fersen

bis zu deinen Zehen.

Du atmest tief ein und aus.

[...]



Fotografie: Lucie Badenhorst

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