EIN LITERATURPROJEKT

  • Rahel Baer

GENICKBRUCH

Aktualisiert: Mai 17

[Im Moment beschäftige ich mich vermehrt mit experimentelleren Texten und Lyrik, thematisch setze ich gerade an dem Ich, Ich-Auflösung und Ich-Tod an. Der Tod an und für sich als kulturelles Phänomen, aber auch dessen schöne Seite, die durch Sterben neues Leben hervorbringen kann. Letzteres auch durchaus metaphorisch gesehen - Ich lege etwas ab (z.B. eine schlechte Verhaltensweise) und lasse Raum für etwas Neues. Wie dem auch sei.

Hier ein Text über das Sterben auf einer Autobahn.

Die audioliterarische Interpretation findet ihr hier ab Minute 6.45.]


Fixsterne lösen sich am lavendelblauen Himmel auf und verschwimmen zu flüssigem Metall.

Die abnehmende Mondsichel ragt über uns empor, ein Flugzeug küsst einen leuchtenden Ball am Firmament.

Wir rasen durch den neongrellen Betontunnel dem Fluchtpunkt entgegen - Ich bin Shotgun.

Dazu klingt paradox langsame peruanische Volksmusik im Hintergrund des brummenden Motors.

Wir haben eine komplett verkehrte Richtung eingeschlagen, sagt mein Gegenüber ruhig.

Das Leben fordert uns erbittert.

Und wir fordern das Leben heraus.

Kollateralschaden.

Es ist ein Genickbruch,

ich spüre meinen Genickbruch und es ertönt ein Knacken, als die Knochen der oberen Wirbelsäule zerbröselnd brechen. Das kaputte Skelett dient nochmals als Resonanzkörper für die letzten paar Geräusche, die das Trommelfell noch wahrnimmt.

Quecksilberartige Konsistenz quillt aus den Augen. Im Antlitz der letzten Hässlichkeit erblicke ich noch einmal das rigide Lebenslaufregime.


Hätte ich doch...

Das und das...

Nicht -

Oder doch?

Vielleicht.

Zu spät.

Vielleicht.

Zu spät?

...Warum? (und tausend Fragen unbeantwortet in der Stille)

schiesst es mir mit Lichtgeschwindigkeit durch das Netzwerk der letzten leuchtenden Hirnzellen.

Dann ein Kurzfilm meines kurzen Lebens.

Vor dem inneren Auge.

Schlussszene:

Mama wiegt mich in den Armen als kahlköpfiges Kleinkind.

Küsst mich.

Und dann noch:

Die Reste von mir auf dem Boden, genau, die muss irgendwer zusammensammeln.

S H I T.


Und ich frage mich zuletzt:

Wie wird Blut auf dem Asphalt eigentlich beseitigt?


Fotografie: Lucie Badenhorst

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