EIN LITERATURPROJEKT

  • Rahel Baer

GEORDNET UNAUFGERÄUMT

Aktualisiert: Mai 17

Es gibt dieses Sprichwort «clear desk, clear mind

Mein Wohnbereich ist meistens aufgeräumt.

Trotzdem wuselt es im Kopf,

da gibt es tausend Sachen, die unnötig lauwarm gehalten - werden seit Jahren -

Dinge, von denen ich mich mental trennen wollte, aber irgendwann vergessen habe,

die Schnur zu kappen.

Unnötiger Ballast, sich ansammelnd wie nasser Sand, zentnerschwer lastend auf der eigentlich blühenden Wiese im Sommer.

Da war die Welt noch in Ordnung, damals, als ich als kleines Kind durch das kniehohe Geblühm tollte, purzelte, die Köpfe von Butterblumen in den Mund steckte und Sekunden später mit verzogenem Gesichtszug wieder ausspuckte.

Es ist schwer, unförmig graue Masse stetig wegzutragen.

Sand löst sich nicht in Luft auf.

Dann fängt der erwachsen werdende Mensch an, aus dem kalten Material eine ansehnliche Figur zu modellieren.

Liebe Welt, ich bin Mitte Zwanzig Jahre,

ich schaue empor in die Wolken am Himmel, ich halte schützend die linke Hand vor die Augen, um die Grelle des reflektierenden Lichts zu mindern.

Noch immer sehe ich freundliche Gesichter, deren Antlitz sich durch den säuselnden Wind zu komischen Tierköpfen mit verzogenen kleinen Körpern und zu kurzen Armen verändern.

Ihr könnt ja gar nichts greifen.

«Verliere dich nicht in deiner Fantasiewelt! Der Realität, der musst du ins Auge blicken», hätte meine Grundschullehrerin an dieser Stelle barsch gesagt. Interveniert in die sich spannenden Netze der innerlichen Gefilde. Spannend auch darum, weil die Herangehensweise des Entdeckens eine andere war.

Heute ist das Blau eine Illusion und der Tatsache der physikalischen Lichtbrechung gewichen.

Zunehmend werde ich verkorkster,

Zahnräder in der unergründlichen Maschine des Ichs werden langsam rostig, Abläufe passen eigentlich gar nicht so gut zusammen, sind nicht so reibungslos, wie dies seit jeher der Fall gewesen zu sein schien.

Und nach gründlicher Selbstreflexion über die Weichheit meines Wesens wird mir klar,

dass ich kein Automat bin, sondern lediglich ein Mensch mit Automatismen. Eine Person, die mit allen möglichen Mitteln dynamisch bleiben muss, um auch in der abstrakten Arbeitswelt nicht in Gefahr gerät

- unterzugehen.

Im Meer der gescheiterten Existenzen gibt es keinen Ausweg aus dem qualvollen Tod des Ertrinkens. Es ist ein Spiel mit dem Staub zwischen den Kartonkisten, die Kunst, Dreck wegzuputzen, bevor er sich gebildet hat. Stapel zu ordnen, bevor sie zerfallen und den Anschein des Versagens erwecken.


Fotografie: Sarah Preiswerk - www.sarahpreiswerk.ch



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