EIN LITERATURPROJEKT

  • Rahel Baer

KAFFEE ODER TEE

Aktualisiert: Mai 17

Auf dem Campingareal

fragst du simpel:

«Kaffee oder Tee?»

Eine Alltagsfrage.

Ich schaue dich an – mit fragendem Blick.

«Keine Ahnung. Ist mir egal.»

Entgegne ich.


--


Währenddessen im Kopf:

(Eine hochphilosophische Debatte.)

Wie soll ich jetzt binnen Sekunden eine Antwort bereit haben?

Wie soll ich meine Bedürfnisse genau in diesem Moment eruieren?

Wie soll ich überhaupt jemals etwas beantworten können?

Es ist das Dilemma des Sich-richtig-Entscheidens.

Oder das Entschiedene zur richtigen Entscheidung zu schlagen.

Weil alles gut oder schlecht sein kann (soll, will, darf, muss, mag?).

Was die Philosophie lehrt ist, dass weder Richtig noch Falsch existiert (sofern überhaupt etwas existiert).

Es gibt also immer alle Perspektiven auf alle Standpunkte.

Schau das doch einmal von einer anderen Seite an.

Dann ist der Zylinder plötzlich ein Quadrat,

und der Regenbogen besteht doch nicht aus einer Reihe von Farben.

Nichts ist fest,

wie ein paar Perlen in einem Kaleidoskop.

Ein wiederholtes Chaos in bestimmten Mustern.

Weiss ich denn eigentlich irgendetwas?

Weiss ich denn, dass ich nichts weiss? (hallo Sokrates, love u babe.)

Herausgekotzt in diese Erde wurde ich

kurzerhand in ein Gasgemisch geworfen –

Nach der blutigen Geburt habe ich sofort geschrien.

(Vielleicht weil ich augenblicklich wusste, dass mir die Hände gebunden sind.)

War ich pulsierendes Leben ohne Erfahrung,

bin ich jetzt Overthinker:in mit kurzer Lebenszeit.

Verrenne mich und falle auf die Fresse (PS: Ich bin kein Tollpatsch).

Zähne raus, Kieferknochen gebrochen.

Zurück bleibt ein schiefes Lächeln.

Sich für etwas festlegen heisst

etwas anderes auszuschliessen.

Wie kann ich das bewerkstelligen in einer Welt, wo alles

offen ist?

VISIBEL, FLUID, FLEXIBEL. (Hallo Neoliberalismus, love u babe, too. You give me everything and I give you even more. You provide me with products and services in exchange for my data - Ich würde sagen, mein Selbst in Zahlen, in der Romantik hätte man früher vielleicht gesagt: Ich verkaufe dir meine Seele. Alles in allem ein dreckiger Tauschhandel plus noch ein paar rare deutsche Ausdrücke gegen ein lakonisches Anglizismen-Gebrabbel, als Trinkgeld sozusagen.)


Kurzer Aussetzer.

Wenn ich bei banalen Entscheidungen scheitere,

versage ich dann im Leben?


--


«Ähm, ich nehm’...Kaffee?

Oder für was entscheidest du dich?»

Indes ergiesst sich die heisse Brühe (alias die Entscheidung in Flüssigform)

in meine Emaille-Tasse.




Fotografie: Sarah Preiswerk - www.sarahpreiswerk.ch

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