EIN LITERATURPROJEKT

  • Rahel Baer

MAGGIA-TAUMEL

Aktualisiert: Mai 17

[Inspirationsbasis für diesen Text war eine kleine Auszeit an einem Campingplatz direkt an der Maggia. Ich war diesen Sommer dreimal im Tessin, hier eine Auswahl an erlebten Eindrücken.]


Auf den warmen Steinen der Maggia, beschienen von der Nachmittagssonne, liege ich. Höre deine Bauchdecke, wie sie sich hebt und senkt, nehme deinen Atem war, wie er durch deine beiden Lungenflügel fliesst.

Im Hintergrund plätschert der klare Fluss, manchmal stürmisch-wirbelnd, manchmal seelenruhig gemächlich. Wiederspiegelnd mein Gemüt, gemütlich langsam und dann abrupt pulsierend wach.

Wir sind woke, wisperst du mit vernebeltem Blick.

Es ist dieses stetig tropfende Gletscherwasser, es spült alles weg, wäscht alles rein, dieses Wasser, wahrhaftig und auch wissenschaftlich doch irgendwie korrekt; liebe ich es, mich im spirituellen Sog der reinigenden Wasserwirkung auf dem Gelände zu winden, einzutauchen und mich hinzugeben.

Wie Tränen der Läuterung fliesst die Maggia über die Seele. Löst den Ballast, trägt die kratzigen Kristalle aus der samtweichen Gegend.

Es ist die Herzgegend, die dann leicht wird.

Und, spürst du es auch?, frage ich dich.

Ich schaue empor in den Himmel, schaue eine halbe Stunde den kuriosen Wolkengebilden zu. Da ist die bald untergehende Sonne hinter mächtigen Bergwipfeln italienischer Alpenketten, wirft Regenbogenschatten in die weissen Wattewölkchen. Und sie werden grau, die Wolken, der Schein der Farben graduell fortwährend stärker.

Einmal blinzeln und plötzlich ist alles ein wenig bläulicher. Wie ein Blackout nach einer zu langen Nacht ohne wirklichen Schlaf. Sekundenschlaf vielleicht oder drei Stunden vergessen, egal, eine Gedankenlücke – ja, vielleicht auch das.

Du sagst, es sieht aus wie ein Energiefeld.

Tatsächlich, wie ein schwarzes Loch auf Erden. Da mischen sich irdische und scheinbar übernatürliche Welten. Naturgesetze werden von menschlichen Augen wahrgenommen, aufgenommen, eine Konzentration von Schönheit, hier an diesem Fleckchen Maggiatal, eingekesselt von buchenbewachsenen Massiven, dort, wo sich die Sonne im September schon um drei Uhr verabschiedet.

Was für ein Privileg doch, an diesem quadratmetergrossen Örtchen liegen zu dürfen, sagst du.

Tellergrosse Pupillen. Ich frage mich indes, welche Farbe deine Iris wohl haben könnte, wenn du dir keine Pappe auf den Zungenpapillen hättest zergehen lassen.

Hoch gebannt in der lauen Sommerluft sind wir, und es rauscht eine Brise über die nackten Nippel, die sich in der sachten Sonne wärmen.

Noch ein paar Minuten, dann ist der Sonnenschein Geschichte, dann dringt die Wärme nur noch in steingespeicherter Form in uns hinein.

In der Nacht bin ich auf demselben gewaschenen grauen Felsen in den Nachthimmel schauend. Zwischen den Wolkenfeldern prangern nun Sterne am Firmament und die Milchstrasse zeichnet sich im Dunkelblau ab. Und unentwegt strömt das Wasser hinab und massiert mein Inneres.

Schlage ich Wellen, besänftigt mich der Fluss. Weine ich Tränen, vermischt sich alles mit dem Süsswasser. Die Haare fallen mir lockig übers Gesicht, rau und trocken wie meine Haut, sonnengeküsst, sonnengebrannt, verbrannt - ein wenig schon, ja.

Viva la vida einfach, sagst du.

Die Seele baumeln lassen, sodass sie hängt ohne Schwere an der Liane. Zückt die unbeschwerte Zeit den Zucker, klingen die Kristalline der süssen Moleküle aneinander. Rieselt die Süsse durch die Hände wie grauer Sand. Hier an der Maggia in der Nacht, die eine Decke über das Tal legt. Jetzt rauscht Stille durch mein Wesen, Ruhe ergiesst sich in mir. Dann eine Kuschelrunde, kopfkraulend Hände auf dem Scheitel, kreisend eine Kopfmassage.



Fotografie: Sarah Preiswerk - www.sarahpreiswerk.ch


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