• Rahel Baer

ode an die ehrlichkeit

Aktualisiert: 3. Aug.

Erst langsam fange ich an, Dinge zu begreifen,

Ursache und Wirkung wirken wirklich korrelativ.

Da gibt es soziale Situationen, die ich wage zu analysieren,

spreche Fakten und Wahrheiten aus, die noch unsichtbar scheinen.

Mein neues Credo heisst:

«Ehrlich sein»

Wie ein Guru, der Licht ins Dunkel wirft.

Will ich Sachverhalte verbalisieren,

Essenzen herausdestillieren, Gedankenkinder beim Namen nennen,

den Mut haben, Ungesagtes zu sagen.

Schluss machen mit Worthülsen, leeren Versprechen, diffusen Äusserungen, ausweichenden Gesprächen, die sich immer, immer, immer um nichts drehen.

Will ich nicht um den heissen Brei herumreden, sondern Sätze mit Gehalt speisen.

Kommunikation ist Transmitterfunktion, um Herzen zu erreichen.

Was ist denn eine zwischenmenschliche Beziehung ohne Verständigung?

Tote Gespräche, wiederkehrende Liebesbekenntnisse,

die im Kern eigentlich nichts bedeuten.

Will ich nicht sagen müssen:

«Ich liebe dich»,

wenn ich schlecht schauspielern kann.

Will ich eigentlich nicht sagen,

wenn ich es nicht ehrlich meine.

Was wäre denn eine Welt mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit!

Wir würden uns anblicken auf Augenhöhe.

Fordern würden wir fair, dürften ausdrücken, was wir tief in uns wünschen.

Stattdessen: Wälzen wir jahrelang mit uns herumgetragene Traumata auf andere ab

Und lästern,

Spalten Gemüter, verzerren Gesichter und Herzen,

verätzen die Psyche mit der Speichelsäure,

schüren wieder und wieder schlechte Erinnerungen zu Hass.

Das Unvermögen unsererseits, die Tragweite unserer Handlungen zu eruieren –

die vermeintliche Unzerstörbarkeit unseres Egos bringt uns dazu,

geballte menschliche Fäuste mit eisernen Hämmern niederzuschmettern.

Rigoros zerstören, wo Platz für neues Leben wäre,

Haben wir doch gelernt, dass alles ist miteinander verbunden ist,

es gibt eine physikalische Erklärung für das Zerspringen von Sternen.

Warum können wir dann nicht Silben für alltägliche Dinge über die Lippen bringen?

Stockt der Atem, bleibt die Stimme im Hals stecken.

Plötzlich weiss man nicht mehr, wie schlucken geht.

Irgendwann zerrissene Magenschleimhaut, verstopfte Arterien,

eine Alterserscheinung,

ein Herzschrittmacher nötigt uns zum Leben.

An irgendeinem Punkt werden wir reanimiert, obwohl sterben doch so gut getan hätte.

Ist das ein Leben oder ein Vegetieren, ist es ein Warten auf bessere Zeiten?


Ehrlichkeit ist im Grunde genommen wie eine Läuterung.

Wortgewordene Tränen der Erleichterung,

zentnerschwere Last von einer arthrosegeplagten Schulter.

Könnten wir bitte mehr lieben –

Als ständig pessimistisch zu hassen.

Mein neues Credo heisst:

«Ehrlich sein»

Wie ein Guru, der Licht ins Dunkel wirft.




Thumbnail-Fotografie: Sarah Preiswerk

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